27 09 2009

lilyIch habe den Fall um Lily Allen und ihre bruchgelandete Anti-Musikpiraterie Kampagne eine Weile verfolg und möchte diesbezüglich gerne mal resümieren.

Diese Woche erst hatte die britische Popsängerin Lily Allen ein Blog mit Namen „It’s Not Alright“ ins Leben gerufen. „Nicht in Ordnung“ ist nach Allens Meinung illegales Filesharing, gegen welches sie mit dem Blog persönlich Initiative ergreifen wollte, wobei sie sich unter anderem hinter den Gestzesentwurf zum Three-Strikes Gesetz stellte. In ihrem ersten Post kritisierte sie 50 Cents Aussage in einem Interview bei CNBC, dass er Filesharing als Teil des Marketings eines Musikers ansehe, wer das Material nicht kaufe, lande immerhin bei den Konzerten. Lily reagierte mit Unverständnis und warf 50 Cent Egoismus vor, weil er nicht an die Leute denke, die mit an der Produktion beteiligt sind, die die z.B. sein Artowork oder die Website designen.
Weniger Probleme hatte die Sängerin allerdings damit ohne Credits und Links den Techdirt Artikel, der von 50s Interview berichtet komplett zu kopieren, was Mike Masnick, Urheber des Artikels, bei Techdirt wieder aufgriff:

I think it’s wonderful that Lily Allen found so much value in our Techdirt post that she decided to copy — or should I say „pirate“? — the entire post. The fact that she is trying to claim that such copying is bad, while doing it herself suggests something of a double standard, unfortunately. Also, for someone so concerned about the impact of „piracy“ I’m quite surprised that she neither credited nor linked to our post.

Masnik führte den Gedanken entsprechend fort:

Feel free to use any of our posts going forward as well. Unlike some, we’re not scared of people copying our stuff. By the way, does this mean we can post her music to our site without crediting her now, too?

Ausserdem greift er Allens Aussage gegenüber 50 Cent auf:

Wait… since when did any of those people get a cut of album sales? Really. None of them do. They all get paid regular fees for their work… and that doesn’t change if 50 is making all his money from album sales or concerts.

Kurze Zeit später war auf Lilys Blog eine vermeintliche Entschuldigung an Masnik zu lesen:

I THINK ITS QUITE OVIOUS THAT I WASNT TRYING TO PASS OF THOSE WORDS AS MY OWN , HERE IS A LINK TO THE WEBSIITE I ACQUIRED THE PIECE FROM

Masnik reagierte darauf mit einem weiteren Artikel bei Techdirt. Er meinte, dass er die Entschuldigung zu schätzen wisse, das aber nicht der Punkt in seiner Argumentation wäre:

I thought it was great that she wanted to use our post, and I encouraged her to do so. The point, though, was that it was a bit hypocritical of her to be going on and on about how evil it is to copy another’s work without their permission, when she went and did the same thing.

Ausserdem erwähnte er, dass wenn die Umstände so natürlich und einfach wären, dass es an der Zeit wäre dies zu akzeptieren und zum eigenen Vorteil zu nutzen. Die Entschuldigung, die Masnik forderte sollte an die Leute gerichtet sein, die sie zuvor verurteilt hatte.
Techdirt brachte diese Woche mehre Artikel zur Thematik raus. Dabei beschäftigte sich Masnik mit der Frage If Filesharing Filesharing Is Killing The UK Music Indutry… Then Why Is The UK Music Industry Growing? und ein Posting das diverse Fragen zu Filesharing an Lily Allen adressierte.

Damit war die Sache allerdings noch nicht abgefrühstückt, das dickste Ding kommt noch: Im Folgenden stellte sich heraus, dass sich auf Allens Website ausserdem das Urheberrecht verletzende Mixtapes befanden. Masnik in einem weiteren Posting dazu:

She’s offering music from, among others, Jay-Z, Jefferson Airplane, The Specials and The Kinks. Admittedly, it’s just a quick look around, but it appears many of the artists whose works she’s distributing for free have no connection with EMI. Even if they did, remember EMI was recently claiming that it’s never authorized MP3s for distribution for publicity purposes.

Lily Allen antwortete darauf mit einigen Ausflüchten, wie der Aussage, die Mixtapes seien 5 Jahre alt und zu der Zeit hatte sie noch keine Ahnung von den Vorgängen um die Musikindustrie. Masnik darauf :

But you were the one who created the mixtapes, correct? You were the one who infringed and uploaded them and offered them to the world. That they’re now on a site controlled by EMI is quite besides the point.

If you truly believe that regular uploaders should have their internet access taken away, why not make an example of yourself? Why not take away your own internet access for a year to prove the point? Or do you not think the laws you want to apply to everyone else should apply to you?

Again, the whole point here is that what you did was entirely natural and made plenty of sense. Lots of people do it today. They do it because they love music. There’s nothing wrong with that, and you know it

Noch wärend Masnik diesen Artikel verfasste, löschte Lily Allen ihr Blog und kommentierte bei Twitter, dass sie die Seite wegen zu großem missbrauch entfernt habe. Ausserdem meinte Allen, sie würde nicht zu dem Musikertreffen gehen bei dem es um Peter Mandelsons Three Strikes Gesetz ging, was sie dann doch tat. Dort postulierte sie allerdings, dass Leute aus dem Netz zu kicken zu drakonisch wäre. Ein milder Trost betrachtet man, dass die Künstler bei einer anderen Variante des Three Strikes Gesetzes überein kamen. Hier würden dem Filesharer beim dritten vergehen eine starke Kürzung der Bandweite drohen.

Bisher gab es noch einen letzten Artikel von Masnik, den er mit folgenden Worten schließt:

I will say that I hope that many of those reasoned, well-thought out and carefully argued comments on Lily’s blog before she erased it were part of what convinced her that her original support for cutting people off of the internet entirely was wrong. At least that was a small victory for reasoned debate. It’s only unfortunate that once the debate started to reach more serious questions, she stopped participating. And, once again, given that she, herself, appeared to have shared a large amount of music, I have to ask if she’s willing to accept the same limitations on her internet access that she came out in support of tonight. Will she accept limited bandwidth, so she can do basic web surfing and email, but no more? If not, how is that fair?

Zum Schluss gab’s dann noch „an open letter to Lily Allen“ in Videoform, auf einem Lily Allen Beat, von einem Typ namens Dan Bull.

So weit die Story. Der Fall erinnert, was Wasser predigen und Wein trinken angeht, an die Auseinandersetzung zwischen MGMT und Sarkozy, der damals ebenfalls versuchte das Three-Strikes Gesetz auf den Weg zu bringen, wärend seine Partei den Song „Kids“ freigiebig und ohne zu fragen für den eigenen Wahlkampf nutzte.
Zu aller erst, und das ist Teil meiner persönlichen Auffassung als Künstler, begrüße ich die Sharingkultur, die durch das Internet entstanden ist. Ich selbst bin bildender Künstler im Bereich Malerei, Zeichnen und Design und stehe in Kontakt mit vielen Musikern weltweit denen ich mit Artwork aushelfe, dafür will ich kein Geld. Diese Musiker verbreiten ihre Musik meist selbst kostenlos, ich nehme diese Angebot gerne wahr und helfe im Gegenzug mit Know-How und meinen Fähigkeiten aus. Für mich hat sich dieses Prinzip bisher hervorragend ausgezahlt, so konnte ich viele Kontakte knüpfen, habe nicht nur Freundschaften geschlossen, sondern auch über Mund- und Netzpropaganda zahlende Kundschaft an Land gezogen. Ich kann es aus dieser Perspektive wenig verstehen, wenn Künstler, welcher Art auch immer, mit ihren Werken geizen. Auch als Blogger bin ich vorrangig an Give-Aways interessiert. Das hat nichts damit zu tun, dass ich gerne alles umsonst haben möchte, sondern weil ich, in diesem Sinne als Promoter, so etwas in der Hand habe um anderen Leuten großartige Musik schmackhaft zu machen. Wenn ich von einer Band kein Material finde oder nur 30s-Snippets in 96kb, dann mag mir zwar gefallen was ich höre, aber wenn ich so etwas poste zeigt die Erfahrung, dass das Interesse verschwindend gering ist. Mir gehen in der Folge die Leser aus und der Werbe-Effekt ist gleich null.

Damit wären wir beim nächsten Punkt, der sich um 50 Cents Beitrag zur Debatte dreht. Filesharing ist heute Teil des Marketings. Dass sich jemand Titel aus dem Netz lädt schließt einen späteren Kauf nicht aus. Verschiedene Fälle (Radiohead, Nine Inch Nails) beleuchten diesen Umstand sehr gut.Vor kurzem erst hatte ich einen kleinen Beitrag über Pogo, einen Musiker aus England, der alle seine Tracks kostenlos bei LastFM zum Download anbietet, die Comments dort sind voll von Anfragen, ob man seine Sachen nicht auch käuflich erwerben könne. Den Umkehrschluss daraus fand ich die Tage in einem sehr guten Netzwertig Artikel beschrieben:

Wenn nicht genügend Leute bereit sind, für eine Leistung Geld zu bezahlen, dann kann man diese als Piraten, Diebe, Geizkragen beschimpfen, das ändert aber nichts an der folgenden simplen Tatsache: Der Anbieter hat es nicht geschafft, etwas anzubieten, für das andere Geld ausgeben möchten.

Ein weiteres aktuelles Beispiel, dass zeigt wie man mit zweierlei Maß misst, ist die Abmahnwelle die gerade mehrere Blogger in Deutschland erfasst. Hierbei handelt es sich um ein renomiertes Mixtape zum Splash-Festival, dass wohl urheberrechtlich geschütztes Material enthält. Das Tape schaffte es sogar auf die Seite von MTV und dem Label von Curse, um dessen Titel es sich u.a. dreht. Beide Seiten wurden bisher nicht abgemahnt, jedoch diverse Blogger, die das Mixtape verlinkten. Eigentliche Intention eines solchen Mixtapes ist es Werbung für die entsprechenden Künstler zu machen, damit die Leute sich die Konzerte anschauen, vielleicht so begeistert sind, dass sie Platten oder Merchandise von den Musikern kaufen. Das ist Promotion, kostenlose Promotion und dafür bekommen die Blogger jetzt eine reingewürgt. Wie unverhätnismäßig die anfallenden Strafen dafür sind muss ich hoffentlich keinem erklären.

In der ganzen Geschichte ist der Wurm drin. Die etablierten Parteien verstehen es nicht, lassen sich von Lobbyisten einen einschänken, übergehen die längts überfälligen Diskussion um die Überarbeitung des Urheberrechts. Die Musikindustrie will uns erzählen sie würde am Hungertuch nagen und sieht als einzigen Ausweg drakonische Sanktionen. Und dann kommen Künstler wie Metallica, Lily Allen oder Joe Satriani und führen die ganze Copyright Geschichte ad absurdum und der Gesetzgeber gibt ihnen auch noch recht.

Den roten Faden hab ich endgültig verloren und ich könnte ewig so weitermachen, aber ich möchte gerne schließen mit einem Fazit, dass sich an euch richtet. Helft bitte mit. Informiert euch, macht es publik, geht zu Veranstaltungen. Lest die Veröffentlichungen von Mike Masnik und Lawrence Lassig, setzt euch mit Creative Commons und Modellen wie der Kulturflatrate auseinander und dann erzählt anderen davon. Nur wenn wir etwas Druck machen kommen wir von diesem längst obsoleten System weg. Vielleicht versteht dann auch Lily Allen, dass wir hier nichts weiter machen als kreatives Schaffen in Ketten zu legen.


Aktionen

Information

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: