29 09 2009

hownottobeseen
Zu aller erst bitte das Video anschauen und den Instruktionen folgen


Zu aller erst bitte das Video anschauen und den Instruktionen folgen:

Einige werden dieses oder ähnliche Videos schon gesehen haben. In diesem Fall handelt es sich um eine Aktion gegen Unachtsamkeit gegenüber Fahrradfahrern im Straßenverkehr. Das Phänomen, das dabei zum Tragen kommt bezeichnet man als Unaufmerksamkeitsblindheit bzw. Inattentional Blindness. Im letzten Jahr habe ich an der Universität einen Vortrag darüber gehalten, heute bin ich wieder darüber gestolpert und dachte mir ich fasse die Geschichte nochmal für alle Interessierten zusammen. Bei Gefallen greife ich gerne immer mal wieder auf Berichte aus diesem Bereich zurück.

Eigentlich beschäftigte ich mich mit einem abstrakteren Versuchsaufbau aus dem Artikel „How not to be seen: The Contribution of Similarity and Selective Ignoring to Sustained Inattentional Blindness“ von Steven B. Most et al.
Zur Veranschaulichung gehe ich hier eher auf die Vorgänger dieser Forschung ein, zumal ein moonwalkender Bär ohne Zweifel bedeutend interessanter ist.

Von Inattentional Blindness spricht man, wenn unerwartete Objekte oder Geschehnisse ausserhalb des Aufmerksamkeitsfokus nicht wahrgenommen werden. Vereinfacht gesagt, ist das der begrenzenden Verarbeitungskapazität des Gehirns zuzuschreiben. Das Gehirn wählt sehr selektiv aus, welche Teile der Informationsmassen, die den ganzen Tag auf uns einprasseln weiter verarbeitet werden und welche nicht. Am deutlichsten wird diese Tatsache durch die Steuerung der eigenen Augenbewegungen veranschaulicht. In der Fovea, dem zentralen Bereich der Retina befindet sich die höchste Zapfenkonzentration, was Ursache für die starke Sehschärfe im Blickfokus ist. Zusätzlich ist das Areal des Gehirns im Lobus Occipitalis, das die Informationen von der Fovea analysiert, unverhältnismäßig groß. Die Fovea nimmt ca. ein Sechstausendstel des  gesamten Gesichtsfeldes ein, dennoch ist ein drittel des visuellen Cortex dem Verarbeiten von Informationen der Fovea vorbehalten. In anderen Sinnessystemen gibt es analoge Orientierungsmechanismen. Ein populäres Beispiel für die Akustik ist das Cocktailparty-Phänomen.

Die bewusste, kognitive Steuerung der sensorischen Aufmerksamkeit erlaubt es uns Wahrnehmungspräferenzen zu setzen, sorgt aber auch dafür, dass periphere Vorgänge in unserer Umgebung weniger bis garnicht verarbeitet bzw. wahrgenommen werden.

Neisser_01In ihrem Artikel „Selective looking: attending to visually-specified events“ haben sich Neisser und Becklen schon 1975 mit diesen Vorgängen bschäftigt. Im „Selective Looking Experiment“ wurde Probanden Aufzeichnungen zweier unterschiedlicher Spiele (Handgame und Ballgame) visuell überlappt vorgespielt. Man wollte sehen, wie sehr visuelle Informationen die unmittelbar im Fokus liegen ausgeblendet werden können.

Neisser baute 1978 zusammen mit Dube auf dieser Forschung auf. In ihrem Experiment „The Umbrella Woman“ ließ man Probanden eine Aufzeichnung eines Ballspiels anschauen, bei jedem Pass sollte ein Schalter gedrückt werden. Mitten in der Aufnahme läuft eine Frau mit Regenschirm durch das Geschehen. 79% der Probanden bemerkten diese nicht.

Simons-Chabris_02Auf diesem Experiment bauten Simons & Chabris 1999 ihre Forschung auf. Diese ist unmittelbarer Vorgänger, des obigen Videos mit dem Bär. Das Prinzip ist das gleiche, nur dass die Frau mit dem Regenschirm durch einen Mann im Gorillakostüm ersetzt wurde. Im Original läuft dieser in die Mitte des Geschehens, bleibt stehen, hämmert auf seine Brust und läuft auf der anderen Seite wieder aus dem Bild. Simons und Chabris stellten zusätzlich fest, dass der Gorilla häufiger bemerkt wurde, wenn die Instruktionen vorgaben das schwarze Team zu verfolgen.

Bekannt wurden auch die Experimente von Mack & Rock, die allerdings bedeutend trockener und ausführlicher sind und nur der Vollständigkeit halber hier erwähnt seien.

Most_01Die Forschung mit der ich mich beschäftigte abstrahiert diese Vorgänge und reduziert sie auf simple geomatrische Formen auf einem Bildschirm. Auf Kreuze, Ls und Ts mit jeweils gleich langer vertikaler und horizontaler Achse, ausserdem unterschiedlicher Leuchtdichte bzw. Farbe. Die Probanden waren angewiesen die schwarzen/weißen Ls/Ts zu verfolgen und die Häufigkeit des Abprallens vom Rand des Bildschirms zu zählen. Währenddessen durchquert ein Kreuz in 5 Sekunden den Bildschirm von rechts nach links, dieses Kreuz variiert in der Leuchtdichte zwischen 1.5cd/m² und 88.0cd/m². Der Versuch wurde auch mit blauem Hintergrund und mit einem roten Kreuz durchgeführt (welches im ersten Durchgang (Critical Trial) von  72% der Probanden erfasst wurde).
Um der Trockenheit vorzubeugen überspringe ich die Details und komme direkt zu den Regeln, die sich daraus ableiten lassen:

1. Umso ähnlicher das unerwartete Objekt dem beachtetem Objekt ist bzw. umso unähnlicher es dem ignorierten Objekt ist, desto eher wird es bemerkt

2. Ein unerwartetes Objekt wird mit bedeutend größerer Wahrscheinlichkeit entdeckt, wenn es den ignorierten Objekten unähnlich ist

3. Das häufige Bemerken des unerwarteten Objekts (bei Unähnlichkeit zu den ignorierten Objekten) kann nicht komplett der Auffälligkeit des Objekts zugeschrieben werden

bicycle1Für den Fahrradfahrer, um dieses Beispiel wieder aufzugreifen, bedeutet das konkret, wenn dieser von Autofahrern bemerkt werden möchte, sollte er am besten a) möglichst wie ein Auto aussehen, was annäherungsweise mit Vorder- und Rücklichtern gelöst wäre. Er sollte b) möglichst nicht wie die Straße oder die Umgebung aussehen und c) zusätzlich möglichst auffällig austaffiert sein.

Diese konkreten Forschungen sind natürlich nur ein empirischer Zwischenschritt im gesamten Gebiet der Aufmerksamkeitsforschung, die uns, wie viele andere Arbeitsfelder der Psychologie, immer wieder klar macht dass unser Gehirn uns konstant verarscht, period!

Sehr interessant sind auch die Forschungen im Bereich „Change Blindness“, deren Versuchsaufbauten oft etwas prankartiges haben. Hier ein Video dazu: Klick. Die Website des Visual Cognition Lab, auf der auch die original Gorilla Videos zu finden sind, enthält ebenfalls unterhaltsames Videomaterial zu Change Blindess Experimenten.

Quellen:

-Mack, A. & Rock, I. (1998). Inattentional blindness. Cambridge, MA: MIT Press.
-Most, S.B. et al. (2001). How not to be seen: The contribution of similarity and selective ignoring to sustained inattentional blindness. Psychological Science, 12, 9-17.
-Neisser, U. (1976). Cognition and reality: Principles and implications of cognitive psychology. San Francisco: W.H. Freeman.
-Neisser, U. (1979). The control of information pickup in selective looking. In A.D. Pick (Ed.), Perception and its development: A tribute to Eleanor J. Gibson (pp. 201-219). Hillsdale, NJ: Erlbaum.
-Simons, D.J. & Chabris, C.F. (1999). Gorillas in our midst: Sustained inattentional blindness fpr dynamic events. Perception, 28, 1059-1074.


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